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Wie das "Odeon" zu einem Gemälde wurde

  • Autorenbild: Corinne Waldmeier
    Corinne Waldmeier
  • 20. März
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 20. März

Ich weiss nicht mehr, wie oft ich in meiner Studentenzeit alleine im Zürcher Café Odeon sass. Am Lesen, Lernen, Gedanken notieren, Skizzieren. Und jedes Mal, wenn ich mich in eine der Nischen am Fenster setzte, hatte ich das Gefühl, in eine andere Zeit zu gleiten. Ins frühe 20. Jahrhundert. Eine Epoche, die mich schon immer fasziniert hat.


Ein Café mit Geschichte


Am 1. Juli 1911 eröffnete das «Grand Café Odeon». Ein Kaffeehaus nach österreichischem Vorbild, im Jugendstil eingerichtet, mit grossen Fenstern, Kronleuchtern, Messingverkleidungen und rötlichem Marmor an den Wänden. Keine Polizeistunde, internationale Zeitungen auf dem Regal, Schach, Konversation, Rauch.


Es war von Anfang an ein Treffpunkt für Politiker, Schriftsteller, Dichter, Maler und Musiker. Lenin, Mata Hari, Einstein, Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch kehrten hier ein. Die Dadaisten machten das Odeon zu ihrem Stammquartier, bevor sie das Cabaret Voltaire eröffneten. Das Odeon war zudem das erste Lokal in Zürich, in dem Champagner glasweise im Offenausschank serviert wurde. Hier wurde das «Cüpli» erfunden.


All das schwebt in diesem Raum!


Die Blütezeit des Odeons ist auch die Epoche, die mich als Künstlerin fasziniert. Eine Zeit des Aufbruchs und der Unruhe, in der die westliche Welt spürte, dass sich etwas Grundlegendes verändert. In Wien analysierte Freud die Psyche, in Paris erfanden Picasso und Braque den Kubismus, in Zürich sassen Einstein und Lenin im selben Café. Es war eine Epoche, in der unter jeder Oberfläche eine tiefere Wirklichkeit ans Licht drängte.


An all das denke ich, wenn ich im Odeon sitze.


Und eines Tages beschloss ich, diese Verbindung in einem Bild zu verewigen:


Gemälde Odeon von Corinne Waldmeier
"Odeon" - 80 x 120 cm Acryl auf Leinwand

Im Zentrum steht eine elegante Dame aus der Blütezeit des Cafés. Mit Perlenkette, Champagnerglas und einem Pelz, der ihr verführerisch von der Schulter gleitet. Hinter ihr, halb verborgen: ein Herr mit Zeitung. Ob er sie heimlich beobachtet? Ein Moment, der sich so hätte zutragen können. Im Odeon, um 1912.


Das alte Odeon-Plakat – dieses ikonische Bild des zeitungslesenden Herrn – habe ich diskret eingewoben, als leises Zitat an den Ort und seine Geschichte.


Plakat Cafe Odeon Zürich
Foto: © Café Bar Odeon, Zürich / odeon.ch

Und die Goldornamente, die sich durch die gesamte Komposition ziehen, sind direkt von den Messingverkleidungen an den Wänden des Cafés abgeleitet. Wer das Odeon kennt, erkennt sie sofort.


Cafe Odeon Zürich
Foto: © Café Bar Odeon, Zürich / odeon.ch

Das Original wollte ich ursprünglich behalten. Doch an einer Ausstellung entdeckte es jemand, der selbst eine enge Beziehung zum Odeon hat und es unbedingt haben wollte. Ich gab es ihm gerne. Denn auch wenn ich an meinen Werken hänge: es gibt kaum etwas Schöneres, als zu wissen, dass ein Bild bei jemandem ankommt, der es wirklich fühlt. Der nicht nur die Gestaltung sieht, sondern auch das, was sich dahinter verbirgt. In solchen Momenten fühle ich mich nicht nur als Künstlerin geschätzt, sondern auch als Mensch verstanden. Das ist berührend.


Und es freut mich sehr, dass heute ein Druck davon im Café Odeon hängt. Manchmal findet man auch mich dort ... in einer Nische sitzend, mit Buch, Notizheft oder beim Skizzieren. So wie früher.

 
 
 

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