Ein Plädoyer für die Vielseitigkeit
- Corinne Waldmeier

- 1. März
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. März
Neulich sass ich wieder einmal vor meinem LinkedIn-Profil und fragte mich: Was schreibe ich hier eigentlich hin?
Malerin? Musikerin? Moderatorin? Auftrittscoach? Betriebswirtschafterin?
Alles stimmt. Und nichts fühlt sich vollständig an. Gleichzeitig spüre ich immer wieder diesen Druck, mich entscheiden zu müssen. Als wäre Ernsthaftigkeit nur möglich, wenn man in einer Schublade Platz hat. Als wäre Vielseitigkeit irgendwie... verdächtig.
„Was bist du denn eigentlich?"
Ich habe immer wieder nach einer Antwort gesucht. Heute glaube ich: Die Frage selbst ist das Problem.
Vielseitigkeit war nicht immer rechtfertigungsbedürftig. Im Gegenteil:
Hildegard von Bingen war Mystikerin, Komponistin, Heilkundige und Naturforscherin. Niemand fragte sie, was sie eigentlich sei. Leonardo da Vinci malte, baute, sezierte und erfand. In einer Welt, die das noch als Einheit verstand. Goethe schrieb Gedichte und entwickelte eine Farbenlehre. Blake malte seine Gedichte und dichtete seine Bilder.
Das Ideal war damals nicht der Spezialist. Es war der Mensch, der das Ganze sah. Der weite Blick.
Erst die Industrialisierung hat uns gelehrt, uns einzusortieren. Fabriken brauchen klare Rollen. Algorithmen auch. Und nicht zuletzt die Kunstwelt!
Galerien und Märkte wollen eine klare Handschrift. Einen Stil, der sofort wiedererkennbar ist und sich dadurch gut verkauft. Das ist verständlich. Aber es hat einen Preis. Denn was passiert mit dem Künstler, der sich weiterentwickeln will? Der mal ausscheren möchte? Nicht aus Beliebigkeit, sondern aus innerer Notwendigkeit?
Auch ich habe meinen bevorzugten Stil. Aber manchmal zieht es mich in eine andere Richtung. Das ist kein Fehler. Das ist Wachstum. Picasso hätte nie den Kubismus erfunden, wenn er bei seiner Blauen Periode geblieben wäre. Kreativität folgt keinem Algorithmus.
Je länger ich arbeite, desto klarer spüre ich: Meine verschiedenen Welten stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Sie nähren sich gegenseitig. Ein Gedanke wird zum Bild. Ein Bild zum Lied.
Neue Ideen entstehen selten mitten in einer Disziplin. Sie entstehen an den Übergängen. An den Kreuzungen. Genau dort, wo Schubladen aufhören.
Also: Was bin ich eigentlich?
Vielleicht ist die Antwort auf diese Frage keine Berufsbezeichnung, sondern eher eine Haltung:
Der eigenen Stimme folgen. Die Welt in Schichten sehen. Und immer wieder das Licht suchen.

Und vielleicht geht es dir ähnlich. Vielleicht sitzt auch du manchmal vor einem leeren Profilfeld und weisst nicht, wie du dich in eine Zeile pressen sollst. Dann lass mich dir sagen: Du musst dich nicht entscheiden. Du darfst das alles sein. Vielseitigkeit ist kein Makel. Sie ist eine Kraftquelle.
Die Welt braucht Menschen, die an den Kreuzungen denken. Nicht nur in Schubladen.
Und falls du neugierig bist, wie sich meine Welt anhört. Hier findest du meine Musikseite:

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