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Im Zwielicht der Zeit

  • Autorenbild: Corinne Waldmeier
    Corinne Waldmeier
  • 11. März
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 14. März

Manchmal scrolle ich durch die Nachrichten... und wünschte danach, ich hätte es nicht getan.


Krieg. Polarisierung. Klimakrise. Künstliche Intelligenz, die alles verändert. Schneller als wir begreifen können! Eine Welt, die sich dreht und dreht. Und das Gefühl, dass sie aus dem Takt geraten ist.


Ich glaube, ich bin nicht die Einzige, die so empfindet.

Wohin führt das alles?


Vor kurzem habe ich mich wieder in eine Epoche vergraben, die mich schon lange fasziniert: das Fin de Siècle. Die Zeit zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und dem Beginn des ersten Weltkriegs.


Auch damals lebten die Menschen in einer Welt, die sich beschleunigte wie nie zuvor. Telefon, Glühbirnen, Film, Autos, Röntgenstrahlen, Flugzeuge... Plötzlich war so vieles möglich, alles gleichzeitig, alles sofort.


Nationalismus brodelte. Grosse Mächte rüsteten auf. Und viele Menschen spürten, dass unter der glatten Oberfläche des Fortschritts etwas Dunkles lag. Ohne genau sagen zu können, was.


1893 malte Edvard Munch Der Schrei. Kein Abbild der Wirklichkeit. Ein Aufschrei der Seele. Sigmund Freud begann, in den Träumen nach Wahrheiten zu suchen, die der Vernunft verborgen bleiben. Und auf einem kleinen Hügel oberhalb von Ascona — Monte Verità — sammelten sich Vegetarier, Anarchisten, Tänzer und Theosophen, weil sie spürten: So kann es nicht weitergehen.


Wir waren schon einmal an einem Punkt, an dem die alte Ordnung zu bröckeln beginnt und niemand weiss, was danach kommt.


Und dann kam der 28. Juni 1914. Sarajevo. Und vieles von dem, was sich in diesen Jahrzehnten an Spannungen angestaut hatte, entlud sich mit voller Wucht.


Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir heute wieder an so einem Moment stehen.


Doch das ist nicht die ganze Geschichte. Denn diese Epoche hat nicht nur Katastrophen hervorgebracht. Sie hat auch vieles geprägt, was wir heute als «modern» verstehen: Psychoanalyse. Expressionismus. Moderner Tanz. Reformpädagogik. Kino. Und die Idee, dass Kunst nicht nur abbilden muss – sondern fühlen lassen darf.


Die Künstler dieser Zeit waren Seismographen. Sie haben das Unbehagen ihrer Epoche aufgenommen und sichtbar gemacht. Nicht als Propheten des Untergangs. Sondern weil sie gar nicht anders konnten.


Heute wird viel darüber gesprochen, was Künstliche Intelligenz mit der Kunst macht. Was sie ersetzt. Was überflüssig wird. Eine ähnliche Frage stellte man sich damals angesichts der Fotografie: Was bleibt der Malerei, wenn die Maschine das Abbild perfekt beherrscht?


Die Antwort der Künstler war: das Innere.


Je mehr die Welt sich automatisiert, desto wertvoller wird das Unverwechselbare.

Ich male Licht aus der Dunkelheit heraus. Das ist nicht nur eine Technik. Es ist eine Haltung.


Kunstwerk Becoming Light von Corinne Waldmeier
"Becoming Light" - entstanden in diesem Spannungsfeld

Die Künstlerseelen dieser Welt — ob malend, singend, tanzend, schreibend, gestaltend — werden gebraucht. Mehr denn je. Nicht weil Kunst die Welt rettet. Sondern weil sie das Unsagbare sagbar macht. Weil sie Räume öffnet, in denen das Schwere getragen werden kann.


Weil sie uns daran erinnert:


Du bist nicht allein mit dem, was du fühlst.


 
 
 

2 Kommentare


Andreas
11. März

Schöner Text. Ich frage mich nur: Haben wir heute wirklich dieselben Ressourcen wie die Künstler von damals? Die Zeit und den Raum zum Denken? Oder ist genau das das eigentliche Problem?

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Corinne Waldmeier
11. März
Antwort an

Danke dir, lieber Andreas. Das habe ich mich auch gefragt. Die Stille kommt heute nicht mehr von selbst. Cézanne hatte keinen Social Media-Feed, der ihn um Mitternacht noch in den Sog zieht. Wir müssen der Stille einen Platz reservieren... genauso, wie wir es mit Businessterminen tun. ☺️

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